Filmkritik: Stronger

Filmkritik: Stronger

“Stronger” erzählt die Auswirkungen des Boston Marathons auf einen einzelnen Mann: Jeff Bauman. Von der Explosion gezeichnet, muss sich Bauman zurück ins Leben kämpfen und wird dabei unfreiwillig zu einem amerikanischen Helden.

3.5 von 5 Popcorntüten

Die Handlung

Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) steht an der Ziellinie des Boston-Marathon von 2013, um seine Ex-Freundin Erin (Tatiana Maslany) anzufeuern – und hoffentlich zurückzugewinnen – nichtahnend, dass sich sein Leben im nächsten Moment für immer verändern wird. In der Nähe des 27-Jährigen explodiert ein Sprengsatz, der ihm beide Beine wegreißt. Bauman wird mit vielen anderen Schwerverletzten sofort ins Krankenhaus gebracht. Nachdem er das Bewusstsein wiedererlangt, kann er einen der Attentäter identifizieren und den Ermittlern entscheidende Hinweise liefern, um die Terroristen zu fassen. Jeffs eigener Kampf hingegen steht ganz am Anfang. Für ihn beginnen langwierige Reha-Maßnahmen, die er nur durch die unermüdliche Unterstützung von Erin und seiner eigenwilligen Familie durchsteht. Seine Art, mit dem niederschmetternden Schicksal umzugehen, lässt ihn zu einem Helden wider Willen werden und den Weg zurück ins Leben finden.

Stronger ab 19. April im Kino

Trailer zu “Stronger”

Mein Fazit

“Stronger” erzählt die Geschichte von Jeff Bauman, der ganz ungewollt zu einem amerikanischen Held wurde. Als Opfer des Anschlags auf den Boston Marathon 2013, gingen seine Bilder um die ganze Welt und gaben der Tragödie ein Gesicht. “Stronger” handelt nicht von Terrorismus, sondern um genau diesen Mann und seinem Weg zurück ins Leben. Die Vorlage für die Verfilmung lieferte Bauman mit seinem gleichnamigen Buch (Anzeige) selbst. Produzent Todd Lieberman (“Traitor”, 2008) sicherte sich die Rechte an Baumans Story und beauftragte John Pollono (“Mob City”, 2013), der aus der selben Gegend wie Bauman in New England stammt, ein entsprechendes Drehbuch zu verfassen.

Stronger
© Studiocanal GmbH / Scott Garfield

Vom Anschlag zum Drehbuch

In Boston und ganz New England gibt es eine Tendenz zu Galgenhumor. Wir sind Kämpfer und stolz darauf.John Pollono (Drehbuchautor)

Pollonos Drehbuch fängt die wesentliche Geschehnisse vor und nach dem Anschlag, der Baumans Leben für immer verändern sollte, ein, adaptiert sie jedoch auch. Dazu hat er stundenlange Gespräche mit Baumann und Menschen aus seinem Umfeld geführt. Der Film ist aber auch geprägt von dem brachialen Humor, der für die Gegend typisch ist, gespickt, was an der ein oder anderen Stelle – für einen nicht Bostoner – etwas makaber und überspitzt wirkt.

Stronger
© Studiocanal GmbH / Scott Garfield

Jeff Bauman

Jeff Baumann hat einen sehr schweren Kampf gefochten, um über seine posttraumatische Belastungsstörung hinweg zu kommen. Seine Geschichte inspiriert andere Menschen und schenkt ihnen Hoffnung. Und obwohl es Bauman gefiel, dass seine Geschichte verfilmt wurde, wollte er diese nicht noch einmal durchleben – verständlicherweise. Aus diesem Grund stand er zwar immer telefonisch zur Verfügung, ließ sich aber nicht am Set blicken. “Stronger” zeigt seinen ungeschönten Schmerz und welche Auswirkungen dieser auch auf seine Familie und Freunde hat. Obwohl Bauman vor Kraft strotzte, wird seine verletzliche Seite nicht vergessen. Im Gegenteil, nimmt diese schon eher eine übergeordnete Rolle im Film ein. “Stronger” ist ehrlich und tragisch.

Stronger
© Studiocanal GmbH / Scott Garfield

Der Held, der kein Held sein wollte

In diesem Zusammenhang ist es schon fast erschreckend, wie die amerikanische / Bostoner Gesellschaft mit Bauman umgegangen ist. “Stronger” zeigt nämlich auch, wie Bauman in eine Position gedrängt wurde, die er gar nicht einnehmen wollte. Auch seine Mutter Patty, die sich sehr um ihn sorgt, scheint seine Berühmtheit zwischenzeitlich geradezu ausnutzen zu wollen. (In echt soll Patty Bauman übrigens wesentlich herzlicher sein, als sie im Film gezeigt wird.) In diesen Momenten tut einem Bauman nur fürchterlich leid und man fragt sich, wie viel davon tatsächlich so passiert ist und wie viel aus dramaturgischen Gründen hinzugefügt wurde.

Stronger
© Studiocanal GmbH / Scott Garfield

Jack Gyllenhaal & Erin Hurley

Der talentierte Jake Gyllenhaal (“Everest”, 2015) spielt Bauman mit voller Überzeugung und Hingabe. Seine nuancierte Performance drückt Jeffs Schmerz mit kleinster Mimik aus. Gleichzeitig ist er aber auch komisch und liebevoll, wodurch er einen Bauman inszeniert, dessen Schicksal das Publikum tatsächlich interessiert. Auch Tatiana Maslany (“Orphan Black”, 2013-2017) verleiht ihrer Figur Erin Hurley, Baumans (Ex-)Freundin, einen gewissen Charme, weshalb man sich auch in ihren weniger glorreichen Momenten mag. Nichts in ihrer Beziehung wird glorifiziert und so wirken die zwei wie ein echtes Pärchen, das mit ein paar mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hat, als der Durchschnitt.

Stronger
© Studiocanal GmbH / Scott Garfield

Eine Stadt hält zusammen

Bei der Realisierung von “Stronger” stammte fast achtzig Prozent der Besetzung aus Boston. Sie halfen die furchtbare Geschichte ihrer Stadt in Form eines einzelnen Schicksals zu zeigen. Eine Tragödie, die neue Hoffnung schürte. So wurden auch einzelne Szenen an realen Orten gedreht, wie etwa im Fenway-Park-Stadion und echte Personen spielten sich selbst wie zum Beispiel Dr. Kalish. Dies verleiht “Stronger” einen sehr authentisch Touch. Dennoch wirkt das biographische Drama hin und wieder etwas überzeichnet. Man merkt, dass es eine amerikanische Geschichte ist und auch für ein amerikanische Publikum produziert wurde. Als Deutscher kann man sich daher leicht an der Heroisierung von Bauman stören. Dennoch bleibt eine ergreifende Geschichte, die liebevoll inszeniert wurde und durch tolle Darsteller glänzt.

“Stronger” ab 19. April 2018 im Kino.

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