Filmkritik: Vielmachglas

Filmkritik: Vielmachglas

Ja Stubenhockerin Marleen bekommt von ihrem Bruder Erik, dem Weltenbummler, ein “Vielmachglas” geschenkt. Denn sie soll nicht nur eine Sache, sondern ganz viele Abenteuer erleben. Das Spielfilmdebüt von Florian Ross überzeugt vor allem durch seine sympathische Hauptdarstellerin, ist jedoch in seiner Handlung wenig überraschend. Der Gang ist Kino lohnt sich trotzdem.

3.5 von 5 Popcorntüten

Die Handlung

Marleen (Jella Haase) erlebt ihren Alltag als steilen Berg – unerklimmbar! Mit Anfang 20 ist sie nicht einmal in der Lage, sich für ein Studienfach zu entscheiden. Selbst ihr geliebter großer Bruder (Matthias Schweighöfer) schafft es nicht, sie aus ihrem Dauer-Formtief herauszuholen. Erst durch eine persönliche Katastrophe wird die menschenscheue Marleen so aufgerüttelt, dass sie sich Hals über Kopf auf ein Abenteuer einlässt, das etliche Nummern zu groß für sie ist: Im Hamburger Hafen wartet ein Schiff auf sie, mit dem sie in die Antarktis reisen will. Doch wie soll sie quer durchs Land nach Hamburg kommen, wenn sie nur acht Euro in der Tasche hat? Das ist der Beginn einer sowohl verrückten als auch emotionalen Reise, auf der Marleen erfährt, dass es durchaus noch verrücktere Zeitgenossen gibt als sie selbst. Und sie macht die überraschende Erfahrung: Je weiter sie reist, desto näher kommt sie sich selbst.

Vielmachglas ab 08. März im Kino

Trailer zu “Vielmachglas”

Mein Fazit

Man nehme eine inspirierende Person, einen Schicksalsschlag, eine wegweisende Reise (der Weg ist das Ziel), ungewöhnliche Gefährten und eine große Prise von Erkenntnissen – et voilá wir haben einen typischen Matthias Schweighöfer-Film. Auch „Vielmachglas“ funktioniert nach diesem Rezept – und dabei ist Schweighöfer dieses Mal lediglich als Produzent und Darsteller an der Komödie beteiligt. Verantwortlich zeichnen sich indessen Regisseur Florian Ross und sein Studienkollege und Drehbuchautor Finn Christoph Stroeks, die mit “Vielmachglas” ihr Spielfilmdebüt feiern. Und trotz einer wenig überraschenden Handlung und eindeutigen Botschaften, macht der Film Spaß und kommt beim Zuschauer an.

Vielmachglas
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Generation Antriebsschwäche

In einer Zeit, in der jungen Menschen alle Türen offen stehen, reagieren viele mit Resignation. Jeder kennt wahrscheinlich in seinem Freundes- oder Familienkreis jemanden, der noch in den Mit- oder Endzwanzigern das Hotel Mama genießt und bereits das dritte Studium in Angriff genommen hat – oder so ähnlich. Mit diesem Phänomen, das eine ganze Generation zu zeichnen scheint, beschäftigt sich auch “Vielmachglas” in Form der Figur der Marleen (Jella Haase). Die junge Frau in den frühen Zwanzigern kann sich nicht für einen Studiengang entscheiden und wehrt sich dagegen, das heimische Haus zu verlassen. Ganz im Gegensatz zu ihrem älteren Bruder, der bereits (fast) die ganze Welt bereist hat. Er möchte seine Schwester dazu überreden, endlich “Ja!” zu sagen. Der Beginn eines ereignisreichen Roadmovies.

Vielmachglas
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Wie viel “Zufall” erträgt das Publikum?

Ross erklärt, dass es eine Faustregel gibt, wonach das Publikum in der Filmstory einen großen Zufall verkraften kann. In “Vielmachglas” ist dieser Zufall der Moment, indem Ben Marleen mitten im Nirgendwo am Straßenrand wieder aufgabelt. Das kommt eventuell auch noch hin, aber man möge mir doch bitte den Ort zeigen, von dem aus man drei Tage nach Hamburg braucht… Apropos Hamburg: Da es für Marleen in die schönste Stadt der Welt (Hamburg) gehen soll, ist es, ohne Spoilern zu wollen, natürlich wenig überraschend, dass sie es dann auch irgendwann dort hin schafft. Wie sie aber mit der Fernbahn auf einmal mitten auf der Große Freiheit gelandet ist und wie um Himmels Willen der Weg dann zum Hafen dargestellt wird, lässt bei jedem Hamburger vermutlich die Ohren schlackern. Aber hey, für jeden Nicht-Hamburger sieht das wahrscheinlich absolut logisch aus. Und immerhin haben die Filmemacher es so innerhalb von wenigen Sekunden geschafft, die schönsten Stellen Hamburgs zur zeigen.

Vielmachglas
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Keine Szene ohne die Hauptdarstellerin

Für mich kommt eine Szene ohne Hauptdarstellerin gar nicht infrage. Deshalb gibt es keine Szene ohne Marleen. Muss ich halt ranklotzen!Jella Haase

Ihr dachtet, in “Vielmachglas” geht es vor allem um die Figur von Matthias Schweighöfer? Falsch gedacht! Bei lediglich vier Drehtagen könnt ihr euch ausmalen, dass der Sunnyboy der deutschen Filmlandschaft nur wenig zu sehen ist. Dafür gibt es eine riesige Portion Jella Haase. Der sympathische Fack Ju Göhte-Star überzeugt durch ihre ehrliche Art, die sie erneut auf die Leinwand zaubert. Die Harmonie zwischen ihr und ihren Schauspielkollegen stimmt und so wirken Marleen und Erik schon fast wie echte Geschwister. Auch ihre Kollegen konnte Haase durch ihre professionelle und konzentrierte Arbeitshaltung überzeugen:

Ich muss sie bewundern, wenn ich ihre Pensum bedenke: Jeden Tag früh aufstehen, dann in der Maske sitzen und in jeder Szene dabei sein. Sie meistert das wirklich großartig!Finn Christoph Stroeks (Drehbuchautor)
Sie hat eine wirklich verrückte Art. Den ganzen Tag über schwebt sie wie auf leichten Füßen über das Set und spielt ihre Szenen. Niemals hört man von ihr: ‘Oh, ich kann nicht mehr!’ Man spürt wirklich: Das ihr ihre Berufung, Jella ist dafür geboren.Juliane Köhler (spielt Marleens Mutter)
Vielmachglas
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Dreharbeiten 2017

Ihr erinnert euch an den “Sommer” 2017? Regen, Regen und noch mehr Regen. Damit hatten auch die Filmemacher von “Vielmachglas” zu kämpfen. Da sie weitestgehend auf Studioaufnahmen verzichtet haben, viel der ein oder andere Drehtag im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser – oder musste entsprechend angepasst werden. Zum Glück spielte immerhin das Wetter für die Drehaufnahmen im Hamburger Hafen mit – da soll noch jemand behaupten in Hamburg regne es immer! – und natürlich waren die Innendrehtage von Rekordtemperaturen von bis zu 40 Grad gesegnet.

Vielmachglas
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Märchenhafter Erzählton

“Vielmachglas” ist geprägt von einer Art märchenhaften Erzählton. Manche Ereignisse erscheinen geradezu surreal, sorgen jedoch für sehr komisch und auch dramatische Elemente, die wunderbar ineinandergreifen. Für den richtigen Look sorgten vor allem Szenenbilderin Gabriella Ausonio und Kameramann Felix Novo de Oliveira, die damit genau den Charme der Geschichte getroffen haben.

Vielmachglas
© Warner Bros. Entertainment Inc.

Sag “Ja!”

Alles in allem funktioniert „Vielmachglas“. Der Zuschauer leidet, weint und lacht zusammen mit Marleen. Dabei ist die Komödie keine Liebesgeschichte, sondern ein Roadmovie in die Freiheit. “Vielmachglas” sagt: Ja! Ja, sich etwas zu trauen aber auch ja dazu, Entscheidungen zu treffen. Leider arbeitet der Film von Ross, wie so viele deutsche Filme, aber auch mit sehr vielen Klischees und treibt es dabei gerne etwas auf die Spitze. Dies wird vor allem in der Figur You-Tuberin Zoë deutlich, die von der noch relativ unbekannten Emma Drogunova gespielt wird. Diese macht ihren Job als nervtötender Möchtegern-Star jedoch so gut, das man sie selbst fast schon ätzend findet. Auch ist es verwunderlich, wie schnell alle Beteiligten den schweren Schicksalsschlag zu Beginn des Films überwinden. Zudem haben die Filmemacher es in Sachen Vertonung deutlich übertrieben. So wird jedes Klacken, jeder Schmatzer voll aufgedreht, was geradezu unangenehm ist. Aber: Alles in allem bleibt ein unterhaltsamer Kinofilm mit einer wundervollen Hauptdarstellerin, den man sich gut und gerne angucken kann.

“Vielmachglas” ab 08.März 2018 im Kino.

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