Filmkritik: Der Hauptmann

“Der Hauptmann” erzählt die wahre Geschichte des Gefreiten Willi Herold, der im zweiten Weltkrieg zu erschreckenden Maßnahmen griff, um sein eigenes Überleben zu sichern. Ein Kriegsfilm fern ab von den großen Anführern des Regimes, hin zu den Menschen, die das Nazi-System lebten.

3.5 von 5 Popcorntüten

Die Handlung

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs findet der junge Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) auf der Flucht eine Hauptmannsuniform. Ohne zu überlegen streift er die ranghohe Verkleidung und die damit verbundene Rolle über. Schnell sammeln sich versprengte Soldaten um ihn – froh, wieder einen Befehlsgeber gefunden zu haben. Aus Angst enttarnt zu werden, steigert sich Herold nach und nach in die Rolle des skrupellosen Hauptmanns und verfällt dem Rausch der Macht.

Der Hauptmann ab 15. März im Kino

Trailer zu “Der Hauptmann”

Mein Fazit

“Der Hauptmann” ist anders. Die Verfilmung einer wahren Geschichte der letzten Wochen des zweiten Weltkrieges zeigt nicht etwa einen “So grausam ging es im Nationalsozialismus zu”-Film, sondern hat einen gänzlich anderen Ansatz. “Der Hauptmann” konfrontiert das Publikum mit der Frage: “Wie hätte ich mich verhalten?” Dazu setzt Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke (“Tattoo”, 2002), der das erste Mal seit 13 Jahren wieder in seiner deutschen Heimat dreht, perfide an, indem er dem Zuschauer eine Person präsentiert, mit der sie sich von Beginn an identifiziert.

Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur so lange existent, als die Gruppe zusammenhält. Wenn wir von jemandem sagten, er ‘habe Macht’, heißt das in Wirklichkeit, dass er von einer bestimmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln.”Hannah Arendt (aus: 'Macht und Gewalt', München 2000)
Der Hauptmann
© Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Willi Herold

In der Anfangsszene von “Der Hauptmann” befindet sich der Gefreite Willi Herold, gespielt von dem herausragenden 23-Jährigen Schweizer Max Hubacher (“Der Verdingbub”, 2011), auf der Flucht vor dem deutschen Offizier Junker (Alexander Fehling). Der Zuschauer schlägt sich, ohne überhaupt zu wissen, warum Herold flieht, auf die Seite des jungen Soldaten. Möchte, dass er entkommt, möchte, dass er überlebt. Mit dem Fund der Hauptmannsuniform beginnt sich jedoch nach und nach das Wertesystem von Herold zu verändern. Er wird zum Täter aus den hinteren Reihen. Und genau diese Geschichte erzählt “Der Hauptmann”. Die Geschichte der Menschen, die nicht die Architekten des Nazi-Systems waren, sondern es lebten. Herold wird in die Rolle des Hauptmanns hineingedrängt, um sein Überleben zu sichern, scheint aber nach und nach Gefallen an dieser Rolle gefunden zu haben. Er entwickelt sich zum skrupellosen Vollstrecker, der durch sein herrisches Auftreten das System untergräbt und fortan voll Machthunger selbst über Leben und Tod entscheidet. Dabei wird in “Der Hauptmann” nie genau klar, warum sich Herold so verhält, wie er es tut. Eindeutig ist: Er spielt eine Rolle, alle Anwesenden spielen eine Rolle und alle sind schuldig. Dennoch möchte das Publikum krampfhaft an Herold, an eine Heldengeschichte glauben.

Ich entschied, jeder muss für sich beurteilen, wer Willi Herold war und warum er tat, was er tat. Im Zentrum der Figur findet sich ein beabsichtigter blinder Fleck, der das Publikum dazu auffordert, seine eigenen Antworten zu finden.Robert Schwentke (Regisseur)
Der Hauptmann
© Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Schwarzweiß

Regisseur Schwentke entschied sich aus unterschiedlichen Gründen, den Kriegsfilm in Schwarzweiß zu drehen. Zum einen entschied er sich aus ästhetischen Gründen zu diesem Schritt, um ihm eine abstrakte Qualität zu verleihen, so Schwentke. Desweiteren war es eine intuitive Wahl, da aus dieser Zeit nun mal hauptsächlich Schwarzweißfotos existieren. Der dritte und vermutlich entscheidendste Grund dafür war aber vermutlich der Grund, dass “Der Hauptmann” eine sehr blutige Geschichte erzählt. Durch den Verzicht auf Farbe sichert sich Schwentke, dass das Publikum nicht vom Film abgestoßen wird und zu macht. Tatsächlich gelingt es ihm so, den Fokus auf die Figuren und ihr Handeln, also auf die psychologischen Aspekte zu lenken, als auf die brutalen Bilder.

Der Hauptmann
© Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Bild, Ton & Gestaltung

Apropos Bilder. Diese wurden eindrucksvoll und ausdrucksstark von Kameramann Florian Ballhaus (“Die Bestimmung – Insurgent“, 2015) eingefangen, der dafür bereits 2017 vom San Sebastián International Film Festivala mit dem Preis für die “Beste Kamera” ausgezeichnet wurde. Die fast schon dokumentarischen Schwarzweißbilder unterstreichen die authentische Wirkung des Films und treiben die verstörende Dynamik voran. Entsprechend sind auch die Musiken und durchdringenden Töne gewählt, wobei die dröhnenden Nebelhörner und Alarmsirenen die Ohren des Publikums gelegentlich überstrapazieren. Für die historische Genauigkeit von “Der Hauptmann” haben sich die Filmemacher vor allem auf die Gestaltung der Uniformen konzentriert und sich ansonsten nach eigener Aussage viele Freiheiten gelassen. Nichtsdestotrotz wirken die Drehorte, allen voran das Arbeitslager, das extra in Polen für den Film errichtet und in Echtzeit in die Luft gesprengt wurde, nicht weniger authentisch.

Der Hauptmann
© Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

Ein verstörender Film

“Der Hauptmann” hinterlässt einen verstörenden Eindruck. Durch die Identifikation mit einer moralisch nicht aufrechten Person beginnt das Publikum selbst an sich zu zweifeln. Wäre man selbst mutig genug gewesen an seinen ethischen und moralischen Grundsätzen festzuhalten oder hätte man ähnlich gehandelt? Schwentke gelingt es mit seiner Inszenierung einer wahren Geschichte seinen Zuschauer aufzuwühlen und trifft damit voll ins Schwarze. Mit bitter bösem Humor zeigt er die Abgründe der Menschheit und schießt dabei hin und wieder etwas über das Ziel hinaus. Ein Antikriegsfilm, den man so noch nicht gesehen hat.

“Der Hauptmann” ab 15. März 2018 im Kino.

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