Filmkritik: Der andere Liebhaber

Filmkritik: Der andere Liebhaber

Der französische Thriller “Der andere Liebhaber” von François Ozon führt den Zuschauer auf eine erotische Irrfahrt zwischen Begierde und Täuschung. Eine Geschichte von Zwillingen, Doppelgängern und Doppelleben mit Marine Vacth und Jérémie Renier in den Hauptrollen. 

3.5 von 5 Popcorntüten

Die Handlung

Die attraktive Chloé Fortin (Marine Vacth) ist seit ihrer Kindheit von Bauchschmerzen geplagt. Nachdem eine gynäkologische Untersuchung erneut ohne Befund ist, sucht sie einen Psychotherapeuten auf. Der charmante Paul Meyer (Jérémie Renier) verhilft Chloé zu einem neuen Job und auch ihre Bauchschmerzen werden weniger. Ihr Leben scheint perfekt, als sich die beiden auch noch ineinander verlieben und zusammen ziehen. Doch durch einen Zufall erfährt Chloé von Pauls Zwillingsbruder, den er ihr verschwiegen hat.

Da Chloé von ihrem Freund nichts über seinen Bruder erfährt, sucht sie diesen auf. Louis Delord (Jérémie Renier) ist ebenfalls Psychotherapeut, doch so gänzlich anders als Paul: besitzergreifend, arrogant und zynisch. Dennoch fühlt sich Chloé von ihm angezogen. Sie gerät in ein gefährliches Geflecht aus Begierde und Täuschung. Was ist wahr, was ist Illusion?

"Der andere Liebhaber" ab 18. Januar im Kino

Trailer zu “Der andere Liebhaber”

Mein Fazit

Ein Film voller Spiegel. Regisseur und Drehbuchautor François Ozon (“8 Frauen”, 2008) nimmt in “Der andere Liebhaber” den Zuschauer mit auf eine Irrfahrt in die Psyche von der hübschen Chloé Fortin (Marine Vacth). Dabei wird das Motiv des Spiegels das zentrale Schlüsselelement in dem französischen Thriller. Der Spiegel steht in “Der andere Liebhaber” vor allem für die Zwiespältigkeit der agierenden Personen und für das Ungewisse: Was ist real und was ist nur eine Illusion? Ozon gelingt es, seinen Zuschauer auf stilvolle Art und Weise immer wieder hinters Licht zu führen, sodass selbst stringente Handlungsstränge, im nächsten Moment wieder völlig diffus erscheinen.

"Der andere Liebhaber"
© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Zwillinge, Doppelgänger, Doppelleben

“Der andere Liebhaber” thematisiert vor allem zwei Themen: Zum einen die Faszination für Zwillinge und zum anderen die Grenzen eines Doppellebens. Dabei spielt Ozon ebenso mit dem Motiv des Doppelgängers. Eine verwirrende Reise, die fern von einem leicht konsumierbaren Unterhaltungsfilm, das Publikum herausfordert aber ebenso fesselnd. Ozon gelingt es das Thema “Zwillinge” gleichwohl faszinierend, monströs und kunstvoll erscheinen zu lassen.

"Der andere Liebhaber"
© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Paul & Louis

Um diese Faszination einzufangen und glaubwürdig über die Leinwand zu transportieren, bedurfte es eine besondere schauspielerische Leistung, derer Jérémie Renier (“Das unbekannte Mädchen”, 2016) überzeugend Herr wurde. Renier gelingt es beiden Zwillingsbrüdern eine ganz eigene und besondere Note zu verpassen. Während Paul sehr gewissenhaft, sensibel, charmant und liebevoll ist, ist sein Bruder Louis rüpelhaft, arrogant, forsch und tabulos. Durch kleine optische Anpassung, aber vor allem durch individuelle Mimik und Gestik, werden die Unterschiede zwischen den Brüdern überraschend deutlich – verwischen jedoch genauso leicht. Die Spiegelbildlichkeit der zwei wurde jedoch nicht nur auf die Personen – guter Junge, böser Junge – an sich beschränkt. Betrachtet man die Büros der zwei Psychotherapeuten genau, wird ebenso deutlich, wie gegensätzlich diese sind. Während Pauls Sprechzimmer mit warmen Farben eher gemütlich und einladend wirkt, dominiert Louis Sprechzimmer durch kalte Farben und Marmorakzenten.

"Der andere Liebhaber"
© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

Chloé

Chloé Fortin, gespielt von der zauberhaften Marine Vacth (“Jung & schön”, 2013), ist ein sehr widersprüchlicher Charakter. Vacth beschreibt ihre Figur wie folgt: “Sie ist undurchsichtig und gleichzeitig durchschaubar. Chloé ist eine Frau mit Integrität. Sie ist sehr lebendig, in allem, was sie tut.” Sie ist auf der Suche nach der Wahrheit und ist dabei auf der einen Seite sehr zerbrechlich und verletzlich, auf der anderen Seite jedoch auch stark und mutig. Durch ihr Doppelleben, kann sie ihre sexuelle Fantasien ausleben und gewinnt mehr und mehr Kontrolle auch gegenüber Louis – so zumindest die Idee. Die Übernahme der Kontrolle gegenüber ihren dominanten Sexpartner ist nur teilweise glaubwürdig gelungen und zerbricht genauso schnell wieder, wie sie aufflackert. Dennoch kann Vacth insgesamt als Chloé überzeugen. Vor allem dadurch, dass der Zuschauer dem Weg Chloés interessiert verfolgt und sich beginnt mit ihr und ihren Wünschen zu identifizieren.

"Der andere Liebhaber"
© 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

“L’amant double”

“Der andere Liebhaber” ist ein mutiger Thriller, der sich nicht davor scheut, den Zuschauer zu schockieren und gleichzeitig auf Ästhetik und Eleganz setzt. Durch sein Verwirrspiel, wird der Film, der lose auf dem Roman „Lives of the Twins“ (dt.: „Der Andere“) von Joyce Carol Oates basiert, nie langweilig und hält die Spannung bis zum Schluss hoch. Besonders die beiden Hauptdarsteller Vacth und Renier, die wunderbar miteinander harmonieren und zwischen denen eine echte erotische Spannung herrscht – nicht etwa so wie bei den “Fifty Shades of Grey“-Darstellern – sorgen für ein prickelndes Sehvergnügen über 107 Minuten. Allerdings treibt Ozon das Motiv des Spiegels – ähnlich wie Kenneth Branagh bei “Mord im Orient-Express” – etwas auf die Spitze. Auch die etwas “altbackend” wirkenden Überblendungen und die genutzte Bild-in-Bild-Technik nehmen dem Thriller etwas Glanz. Hinzukommt die etwas überzogen, melodramatische Musik zum Ende des Films, die etwas Fehl am Platz ist. Wer genau aufpasst kann übrigens die Auflösung des “Falls” bereits sehr früh heraushören. Doch selbst dann bleibt eine Geschichte zwischen Wahn und Wirklichkeit, die definitiv sehenswert ist.

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One comment

  1. Filme der Woche: KW 21 - 2018 | Jil's Blog

    […] Heimkino erwarten uns diese Woche diverse Neustarts wie “Die dunkelste Stunde“, “Der andere Liebhaber” oder auch “It Comes at Night”. Worauf freut ihr euch am […]

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