Filmkritik: Das Leuchten der Erinnerung

Filmkritik:
Das Leuchten der Erinnerung

Das Leuchtern der Erinnerung begeistert durch eine einzigartige Mischung aus Roadtrip, Tragödie und Komödie. Mit der Starbesetzung von Helen Mirren und Donald Sutherland überzeugt der erste englischsprachige Film von Regisseur Paolo Virzì durch herausragende schauspielerische Leistungen und gewinnt an Wahrhaftigkeit und Authentizität. Ein Film, der ans Herz geht.

4 von 5 Popcorntüten

Die Handlung

Ella (Helen Mirren) und John Spencer (Donald Sutherland) sind alt geworden. Das Ehepaar und Eltern zweier erwachsener Kinder ist von Krankheit geplagt, sodass ihr Leben fast nur noch aus Arztbesuchen besteht. Nun sollen sich die Wege der zwei endgültig scheiden. Aus diesem Grund beschließen sie, noch ein letztes richtiges Abenteuer gemeinsam zu erleben. Sie verlassen stillschweigend ihr Zuhause in Wellesley, Massachusetts und brechen mit ihrem Oldtimer-Wohnmobil namens “The Leisure Seeker” nach Key West zum Hemingway-Haus auf. Trotz Gedächtnisschwund gelingt es John den Oldtimer wie in alten Zeiten sicher zu steuern und schon befinden sie sich auf Kurs…

…und lassen dabei ihre unwissenden Kinder zurück, die krank vor Sorge versuchen ihre Eltern ausfindig zu machen. Die zwei Abenteurer lassen sich jedoch nicht beirren und fahren Meile für Meile ab. Auf ihrer Reise geraten sie im gegenwärtigen Amerika in amüsante aber auch riskante Situation, die es gemeinsam zu bewältigen gilt. Eine Fahrt voll Hoffnung, Liebe, Erinnerungen und einem ungewissen Ausgang…

"Das Leuchten der Erinnerung" ab 04. Januar im Kino
© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Trailer zu “Das Leuchten der Erinnerung”

Mein Fazit

Zwei Schauspiellegenden auf einer Leinwand. Das Leuchten der Erinnerung brilliert – wie sollte es auch anders sein – alleine schon durch Oscar®-Preisträgerin Helen Mirren (The Queen, 2006) und dem zweifachen Golden Globe®-Gewinner Donald Sutherland (Path to War, 2002; Citizen X, 1996). Damit inszeniert der italienische Regisseur Paolo Virzì die Verfilmung des gleichnamigen Romans* von Michael Zadoorian mit einer hochkarätigen Starbesetzung und mit viel Feingefühl.

Das Leuchten der Erinnerung
© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Ein Italiener in Amerika

Virzì ist ein leidenschaftlicher Italiener und lehnte es bisher ab in Amerika zu drehen. Trotz diverser Angebote seit der Nominierung seines Films Die süße Gier als bester ausländischer Film bei der Oscar®-Verleihung 2014, konnte den Regisseur keine literarische Vorlage davon begeistern über den großen Teich zu fliegen. Als er eine Erzählung von Michael Zadoorian über ein älteres Ehepaar liest, die gemeinsam eine letzte Reise antreten, anstatt den Rest ihres Lebens im Krankenhaus zu verbringen, war sein Interesse geweckt. Jedoch sah das Buch vor, dass das Ehepaar durch Kalifornien reist. Dies hätte Bilder bedeutet, die schon in viel zu vielen guten Filmen vorkommen und von jedem Touristen bereits fotografiert wurden, so Virzì. Er legte also auch diese Idee beiseite, bis seine italienischen Freunde und Drehbuchautoren Francesca Archibugi und Francesco Piccolo ihn darum baten sich der Sache noch einmal anzunehmen. Sie versetzten gemeinsam die Reiseroute von Wellesley, Massachusetts nach Key West, Florida zum Haus von Hemingway, verliehen dem Pärchen neue soziokulturelle Hintergründe und schon war die erste Version des Drehbuchs geschrieben. Wenn jetzt noch Sutherland und Mirren die Hauptrollen spielen würden, dann würde Virzì den Film realisieren. Etwas, was der Regisseur für sehr unwahrscheinlich hielt. Doch die Schauspieler sagten zu und so machte der Italiener aus Livorno sein Versprechen wahr und flog nach Amerika.

Das Leuchten der Erinnerung
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Roadmovie mit italienischen Charme

Das Leuchten der Erinnerung profitiert definitiv durch den italienischen Einschlag von Regisseur Paolo Virzì. Virzì reichert das amerikanische Roadmovie-Genre mit Ironie und Gefühl an, wodurch indessen eine wunderbare Mischung aus Tragödie und Komödie entsteht. Virzì gelingt es an ein weniger angenehmes Thema mit einer witzigen Art heranzugehen, so Mirren. Das ältere Ehepaar entflieht ihrem Schicksal getrennt voneinander den Rest ihres Lebens zu verbringen. Stattdessen finden sie einen Weg, die letzten Momente gemeinsam zu durchleben. Auf dieser Reise lernt der Zuschauer die älteren Herrschaften und ihre Eigenarten sehr genau kennen. Aber auch die Figuren selbst stoßen auf bisher unentdeckte Seiten und auch auf einige Geheimnisse des jeweils anderen. Diese Nähe zu den Charakteren zeichnen die Adaption von Das Leuchten der Erinnerung aus und setzen ihr ein kleines Krönchen auf.

Das Leuchten der Erinnerung
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Sutherland & Mirren

John und Ella Spencer hätten vermutlich nicht besser besetzt werden können. Sowohl Sutherland als auch Mirren verleihen ihren Figuren so viel Wahrhaftigkeit und Authentizität, wie nur möglich. Dabei war die Herangehensweise von Sutherland und Mirren gänzlich unterschiedlich. Sutherland hat so viel Leidenschaft in seine Figur gesteckt, dass er durch und durch zu John Spencer wurde. Alles, was zu Johns Figur gehört, sei es der Bus, die Kostüme oder die Brille, bewachte Sutherland geradezu eifersüchtig. Virzì beschreibt seine Art des Schauspiels als “personifizierte Ausgabe des Method Actors Studio”. Mirren hingegen merke man ihre Theaterausbildung an. So soll sie am Set fröhlich mit anderen Dingen beschäftigt gewesen sein. Sobald aber die Kamera an war, “spielte sie jede Szene so makellos, dass wir alle sprachlos dabei standen”, so Virzì. Und diese Makellosigkeit beider Schauspieler wurde in 112 Minuten Spielzeit von den Filmemachern eingefangen.

Das Leuchten der Erinnerung
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John & Ella

So unterschiedlich, wie die beiden Schauspieler sind, sind auch ihre Figuren. Und trotzdem ergänzen sich beide Duos außergewöhnlich gut. Der ehemalige Literaturprofessor John geht durch seinen Gedächtnisverlust geradezu unbeholfen durchs Leben. Sorgt dadurch aber immer wieder für Überraschungen. Diese können erfreuen, verwundern, aufregen oder gar belustigen. Mirren beschreibt Ella hingegen als Frau, die sich uneingeschränkt dem Leben hingebe. Sie lebe, trotz schwerer Krankheit, voller Energie, mit Hingabe und Vergnügen. Und so gebe sie sich auch nicht dem Alter hin. Mit Lippenstift und Perücke trete sie der Welt in einer Art Uniform entgegen. John ist insgesamt sehr auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Aber auch Ella könnte diese Reise nicht ohne John bestreiten. Und so meistern sie, mit immer noch füreinander brennender Leidenschaft, ihr letztes Abenteuer gemeinsam.

Das Leuchten der Erinnerung
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Eine magische Reise

Das Leuchten der Erinnerung ist ein wundervoller Roadmovie, der durch seine Hauptakteure auch ein älteres Publikum anspricht und hoffentlich wieder einmal ins Kino lockt. Er zeigt auf humorvolle und gleichzeitig würdevoller Art und Weise, dass eine Reise alles verändern, dass man sein Schicksal selbst bestimmen kann. Die Reise wird durch schöne Erinnerungen und neuen Abenteuern getragen und von den besorgten Kindern aus der Ferne begleitet. Einzig die Einbindung der Trump-Kundgebungen hätten nicht sein müssen und insgesamt hätte das Drama um gut zehn Minuten gekürzt werden können. Ein Film der zum Nachdenken anregt, der berührt und unterhält.

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